Von Dr. Michaela Freund-Widder
(Foto: Anika Büssemeier)
Jeden Monat stellen wir eine spannende Frau vor, die Sie bei der Weiterentwicklung im Job unterstützen wird. Dieses Mal: Prof. Dr. Gabriele Kaczmarczyk, Universitätsprofessorin an der Berliner Charité
Werden Frauen schlechter versorgt als Männer? Diese Frage treibt die Universitätsprofessorin Gabriele Kaczmarczyk seit 15 Jahren um. Die Top-Medizinerin der Berliner Charité gründete und leitete den Master-Studiengang "Health and Society: International Gender Studies Berlin" und gilt als eine der führenden Wissenschaftlerinnen auf dem Gebiet. Kaczmarczyk geht es um Geschlechterunterschiede bei Diagnose-verfahren und Behandlungsmethoden, die bei weiblichen Patienten oft anders aussehen müssten als bei männlichen.
Für ihr Engagement erhielt sie 2010 das Bundesverdienstkreuz. Es gibt zwar noch viel zu tun, aber Kaczmarczyk hat das Thema in die Öffentlichkeit gerückt und die für Frauengesundheit relevanten Institutionen vernetzt. Eine Herzinfarkt-Studie machte sie in den 90er-Jahren hellhörig. Diese deckte auf, dass ein Infarkt bei Frauen häufig nicht rechtzeitig erkannt wird, weil die Symptome andere sein können als bei Männern – und daher als untypisch eingestuft werden. "Untypische" Symptome bei mehr als 50 Prozent der Bevölkerung? "Das machte mich fassungslos", sagt sie. Es gab offenbar erheblichen Nachholbedarf, um Frauen besser vor den lebensbedrohlichen Folgen eines unerkannten Infarkts zu schützen.
Die Ungleichbehandlung zieht sich nach Erkenntnissen Kaczmarczyks durch die gesamte Medizin. Diese sei immer noch stark vom männlichen Blickwinkel geprägt: "Es gibt zu wenige Medizinerinnen in Spitzen-positionen." Dabei werden mehr als die Hälfte der Abschlüsse von Frauen gemacht. 40 Prozent der 400 000 Ärzte in Deutschland sind weiblich – aber nur fünf Prozent der Lehrstühle mit Professorinnen besetzt.
"Mehr Ärztinnen auf der Führungsebene würden die Sichtweise verändern", sagt Kaczmarzyk. Auch für die heute 71- Jährige war der Weg an die wissenschaftliche Spitze nicht vorgezeichnet. Als junges Mädchen wollte sie nach dem Realschulabschluss zur Post gehen. "Meine Mutter hat mich aber ermutigt, Abitur zu machen und Medizin zu studieren."
Sie ließ sich zur Fachärztin für Anästhesiologie ausbilden, habilitierte sich 1979 an der Charité, betreute rund 30 Doktorandinnen und Habilitandinnen. Doch die wenigsten weiblichen Studenten landeten so wie sie auf dem Chefsessel. Kaczmarczyk weiß auch aufgrund ihrer Tätigkeit als Frauenbeauftragte, dass dies nicht nur am Problem der Vereinbarkeit von Beruf und Familie liegt.
Es hat ebenfalls mit der Haltung zu tun: Frauen, die nichts fordern, bekommen das, was sie fordern: nichts", zitiert sie Simone de Beauvoir. Und im Hinblick auf eine geschlechtersensible Medizin mit mehr Frauen an der Spitze ergänzt sie: "Auch Ärztinnen müssen mehr Karrierebewusstsein entwickeln und mehr Selbstmarketing betreiben, denn die Zukunft der Medizin ist weiblich."
Prof. Dr. Gabriele Kaczmarczyk, 71, studierte Medizin in Hamburg, Freiburg und Wien. Zur Fachärztin für Anästhesiologie und Intensivmedizin wurde sie in Berlin ausgebildet. An der Charité leitete sie erst die Arbeitsgruppe für "Experimentelle Anästhesiologie", danach den Master-Studiengang "Health and Society: International Gender Studies Berlin". Kaczmarczyk lebt allein und hat keine Kinder. Ihre Freizeit verbringt sie in ihrem Haus an der Ostsee. Sie hat mehrere Karriere-Ratgeber für Ärztinnen geschrieben.
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