Sind Frauen gute Zocker?

interview Svea Kuschel

Unsere Expertin Svea Kuschel traf Barbara Rojahn, die vor zwölf Jahren in Stuttgart die ersten Investmentclubs exklusiv für Frauen gründete. Ein Gespräch über weibliche Instinkte und Aktien.

Folge der Serie: Ich und mein Geld


EMOTION: Frauen, die an der Börse agieren, sind ja eher selten. Was hat Sie dazu bewogen, fünf Frauen-Investmentclubs ins Leben zu rufen?
Barbara Rojahn: In der Beratung fiel mir auf, dass sich immer mehr Frauen für Aktien interessieren. Ich bot zunächst Workshops an. Aber schnell war mir klar, dass es nur mit Theorie nicht klappt. Dann fiel mir das Buch der BeardstownLadies in die Hände. Sie gründeten 1983 den ersten Aktienclub für Frauen in den USA. Die Idee war geboren, einen Frauenaktienclub in Stuttgart ins Leben zu rufen.

War das denn so einfach?
Nein, das Schwierigste war, eine Bank zu finden, die bereit war, ein Depot für viele Frauen zu führen. Banker konnte ich von meiner Idee gar nicht begeistern. Schließlich lernte ich bei einer Vernissage zufällig eine Bankerin kennen, die sagte: "Die Idee ist genial, das müssen wir möglich machen!" Zur ersten Informationsveranstaltung im Sommer 1999 kamen über 100 Frauen und nachdem die rechtlichen Dinge geklärt waren, konnten wir im September 1999 die ersten beiden Clubs mit je 30 Frauen gründen.

Aber Sie haben doch fünf Clubs gegründet?
Das stimmt. Das Interesse ließ nicht nach. Zur nächsten Infoveranstaltung im Sommer 2000 kamen 170 Frauen und weitere drei Clubs wurden gegründet.

Macht Frauen das Spekulieren mit Aktien nur Spaß, wenn die Kurse nach oben gehen?
Auch Frauen möchten schnell reich werden. Die Frauen der ersten beiden Clubs hatten Glück. Im
März 2000 übersprang der Dax erstmals die 8000er-Marke und die Frauen waren überglücklich über ihren Reichtum auf dem Papier. Daher kam natürlich auch die Nachfrage nach weiteren Clubs. Nach der Dotcom-Blase sank der Dax am 12. März 2003 auf nur 2203 Punkte und viele enttäuschte Frauen stiegen aus. Da der Dax sich danach wieder auf den Weg nach oben machte, wurden die frei gewordenen Plätze schnell von neuen Frauen eingenommen.

Und dann kam die Finanzkrise. Blieben die Frauen ihren Clubs treu?
Nachdem der Dax am 16. Juli 2007 mit 8105 Punkten seinen Höchststand von März 2000 übertroffen hatte, sank er im Oktober 2008 wieder unter die Grenze von 5000 Punkten, am 6. März 2009 sogar auf 3666 Punkte. Das war zu viel für die engagierten Ladys, ein Club nach dem anderen löste sich auf, nur der allererste, der "Blue Chip", überlebte. Er besteht nun seit zwölf Jahren. Fünf Gründungsfrauen sind noch dabei.

Sind Erfahrung und Wissen Bedingung dafür, dass ein Investmentclub funktioniert?
Es sollten schon auch Frauen mit Erfahrung dabei sein. Wir haben am Anfang den Schwerpunkt
auf gemeinsames Lernen gelegt und so wurde aus mancher Anfängerin bald eine Fachfrau. Auch die Bank hat uns mit Expertinnen unterstützt.

In so einem Aktienclub sind ja Frauen mit unterschiedlichen Kenntnissen vertreten. Wie konnten dann trotzdem Kauf- und Verkaufentscheidungen getroffen werden, die alle akzeptiert haben?
Das hat nur funktioniert, weil wir von Anfang an in jedem Club einen siebenköpfigen Anlageausschuss eingerichtet haben, der die Entscheidungen getroffen hat. Auf diese Frauen kam die meiste Arbeit zu. Aber da jede Frau bei einem Wechsel nach sechs Monaten einmal drankam, war das kein Problem. Das Ergebnis wurde dann im Plenum vorgestellt und begründet.

Es gibt die unterschiedlichsten Erkenntnisse, wenn es darum geht, ob Frauen die besseren Anleger sind. Ihre Meinung?
Frauen sind besonnener und das nicht zu ihrem Nachteil. In Krisenzeiten schneiden sie besser ab als viele Männer. Es waren aber auch immer Zockerinnen dabei. Sie haben unsere Diskussion zwar bereichert, aber bei den endgültigen Entscheidungen hatten sie wenig Einfluss.

Männern wird häufig nachgesagt, dass Sie zur Selbstüberschätzung neigen. Trifft das auch auf Frauen zu?
Frauen werden mutiger, wenn sie sich besser auskennen, und greifen auch mal zu risikofreudigeren Produkten. Bei Männern soll es ja umgekehrt sein. Frauen mit Selbstüberschätzung haben bei uns den Vorteil, dass sie von den anderen gebremst werden. Wir haben 2009 unser Zehnjähriges gefeiert, sind durch Höhen und Tiefen gegangen, aber es hat sich gelohnt dabeizubleiben.

Barbara Rojahn ist Diplomvolkswirtin und seit 1995 unabhängige Finanzberaterin mit eigener
Firma in Stuttgart. Sie ist Mitglied bei den Finanz-Fach-Frauen bundesweit. Außerdem ist sie
Testamentsvollstreckerin und wurde ausgewählt für die Initiative "Frauen in die Aufsichtsräte".




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