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Ein ungarischer Traum

Von Kristina Raderschad (Text + Produktion) und Sabrina Rothe (Fotos)

Wir schauen bei Frauen vorbei, die Deutschland zu ihrer Heimat gemacht haben. Die Ungarin Krisztina Zombori setzte als kleines Mädchen ihre Puppen in Szene und inszeniert heute Stillleben für Zeitschriften.

Es war ein ungewöhnlicher Ort und ein ungewöhnlicher Stoff für Mädchenträume: Eine Bibliothek in der kleinen ungarischen Stadt Gyöngyös, 70 Kilometer entfernt von Budapest, Anfang der 80er-Jahre, auf den Knien des Kindes lagern Hochglanzmagazine: "Ich habe Tage dort verbracht", sagt Krisztina Zombori. Ihren Traum gab es nur hier, die West-Zeitschriften waren sonst nirgends zu bekommen. "Ich war fasziniert von den schönen Modestrecken und den Einrichtungsfotos", sagt die heute 40-Jährige. "Da war eine ganz andere, wunderbare Welt auf Papier gebannt."

Wenn man jetzt hochschaut und in die Hamburger Altbauwohnung blickt, dann entdeckt man diese wunderbare Welt wieder: feine Stoffe, Kissen und Decken aus hochwertigen Materialien. Ein Robin-Day-Sofa. Vintage-Sideboards und Stehleuchten im Wohn- und Schlafzimmer. Weiße Schalenstühle mit braunem Stoffpolster am Esstisch, seltene Originale der Designer Charles und Ray Eames aus den 60er-Jahren. Liebevoll arrangierte Stillleben aus Vasen, Blumen und Bildern. Es ist eine Wohnung, die in Szene gesetzt wurde.

Zum Nachwohnen



Auf Seite 2 geht es weiter mit der Wohnung von Krisztina Zombori ...

Fundstücke nicht nur vom Flohmarkt

"Mir ist wichtig, dass nicht alles vollgestellt ist", sagt Krisztina Zombori. "Mein Mann findet es sehr lustig, dass ich immer ganz genau weiß, was sich wo befindet." Sie steht auf und zieht lachend ein zerknittertes Schwarz-Weiß-Foto aus der Schublade: Fein angezogen und aufgereiht sind darauf Puppen und Plüschtiere zu sehen. Die ersten Gehversuche als Stylistin, festgehalten mit der Kamera des Vaters. "Ich habe mir zu Hause mit bunten Bändern und Stoffresten eigene Mini-Modewelten gebastelt." Und dem Traum immer neues Futter gegeben. "Ich wollte unbedingt für Lifestyle-Zeitschriften arbeiten, am liebsten in Amerika", erzählt sie.

Nach der Wende 1989 zog sie los. Erste Station war Deutschland, das Heimatland ihrer Mutter, die auch in Ungarn mit ihren drei Kindern Deutsch gesprochen hatte. Erster Stopp: Hannover, dort wohnte seit Kurzem die beste Freundin. "Da hat sich mein Leben entschieden", stellt sie fest. Job, Freundeskreis – alles fügte sich. Zusammen studierten die beiden Textildesign. Danach ging die Ungarin nach Hamburg.

Ihr Beruf kommt dem Kindertraum sehr nah: Sie arbeitet als Stylistin für große Zeitschriften- und Buchverlage. Aber der Traum hat eine ungarische Note bekommen. Denn ihr Spezialgebiet sind Food-Produktionen. "Und die Ungarn sind ähnlich versessen aufs Essen wie die Franzosen und Italiener", sagt sie. Ihre Lieblingsutensilien kommen bei Fotoproduktionen und im heimischen Haushalt zum Einsatz – und sind häufig Stücke aus dem Fundus ihrer Familie, die nach dem alljährlichen Sommerurlaub in Ungarn mit nach Hamburg übersiedeln.

Frucht- und Möbelschätze

"Den schönen blauen Emaillebecher etwa habe ich im Garten meiner Mutter gefunden, auch die bemalten Holzlöffel und Teller, die Pfeffermühle und die kleinen Gewürzdosen kommen aus Ungarn", sagt sie und zeigt auf die offenen Borde in der Küche, wo sie ihre Schätze aufgereiht hat. Daneben stehen eingeweckte Früchte aus dem elterlichen Garten. Auch die Fotogalerie im Wohnzimmer stillt das Heimweh und zeigt Freunde und Verwandte. Aber natürlich auch die eigene kleine Familie – Tochter Elba und ihren Mann Mark. Der wohnte schon lange in der Altbauwohnung im Hamburger
Stadtteil St. Georg, als sie einzog.

"Bevor ich kam, war die Wohnung eine typische Männer-WG mit Metallregalen voller Computerkram und Technik-Equipment, Plattensammlung und Kabelsalat." Die alten Überseekisten im Flur gehörten allerdings schon zum Inventar. Heute dienen sie als Garderobenschrank und beherbergen ein Sammelsurium von Mützen, Schals und Hüten. "Genau wie ich liebt Mark schöne, alte Möbel und Flohmarktschätze", erzählt sie. In diesem Sinne ersetzten die beiden das übrige Inventar nach und nach durch Möbel, Leuchten und Bilder im Stil der 50er- und 60er-Jahre, wie den weißen runden Esstisch, die hölzerne Wanduhr und den gerahmten Druck im Flur.

Hang zur Ordnung

Überfüllt wirkt die Wohnung an keiner Stelle – der größere Teil ihrer Requisitensammlung aus Stoffen, Geschirr und Krimskrams wird im Keller aufbewahrt. Und Krisztina ordnet nicht nur beruflich gern: "Wenn ich am Schreibtisch anfange zu arbeiten, muss ich zuerst aufräumen! Diesen Hang zur Ordnung habe ich auch von zu Hause." Tochter Elba kam 2006 zur Welt. Ihr Name ist das ungarische Wort für den Fluss Elbe – und die engste Verbindung von Krisztinas beiden Heimaten.

Zwischen Nutellahänden und Selbstportraits

Teil 1: Ein ungarischer Traum
Teil 2: Fundstücke nicht nur vom Flohmarkt


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