Von Mila Hanke
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Ist es besser, auf den Verstand zu hören, oder sollte man doch lieber dem Gefühl den Vorzug geben? Am besten beides: Lässt man Kopf UND Bauch sprechen, gehört Unentschlossenheit der Vergangenheit an.
Der österreichische Satiriker Karl Kraus riet einst: "In zweifelhaften Fällen entscheide man sich für das Richtige." Etwa ein Jahrhundert später brachte die Hamburger Hip-Hop-Band Fettes Brot die missliche Lage in einem Song auf den Punkt - und plädierte für ein wohlüberlegtes "Ja, äh Nein, ich mein Jein!". Eine Prise Humor mag manchmal tatsächlich helfen, eine festgefahrene Situation etwas aufzulockern. Doch wenn es um wichtige Weichenstellungen in unserem Leben geht, helfen derlei Ratschläge auch nicht weiter. Soll ich mein Studium beenden oder doch noch die Fachrichtung wechseln? Endlich den Sprung in die Selbstständigkeit wagen oder die feste Stelle behalten? Mich endgültig trennen oder der Beziehung eine weitere Chance geben?
Manche Menschen zögern, hadern, quälen sich durch schlaflose Nächte - und schieben Entscheidungen möglichst so lange auf, bis der Lauf der Dinge uns die Wahl schon abgenommen hat. Am anderen Ende des Spektrums tummeln sich hingegen jene, die jeder Entscheidung voller Wagemut und Zuversicht entgegenpreschen - und damit auch noch erfolgreich sind. Wieso ist unsere Fähigkeit, einen Entschluss zu fassen, eigentlich so unterschiedlich ausgeprägt?
"Jeder Mensch bezieht Verstand und Gefühlsimpulse in unterschiedlichem Maße in seine Entscheidungen ein", erklärt Maja Storch, Psychologin, Trainerin und Leiterin des Instituts für Selbstmanagement und Motivation, einem Spin-off der Universität Zürich. "Und die Verteilung auf diesen Waagschalen beeinflusst, wie lange wir für einen Entschluss brauchen und ob wir überhaupt zu einem Ergebnis kommen."
Um diese Theorie nachzuvollziehen, muss man erst einmal den wissenschaftlichen Hintergrund verstehen. Die psychologische und neurologische Forschung ist sich mittlerweile einig: Neben dem Verstand, der Fakten sammelt und logisch das Für und Wider abwägt, besitzen wir alle noch ein zweites, unbewusst arbeitendes Entscheidungssystem, das auf Gefühlen beruht. Dieses ist der kühlen Ratio teilweise sogar überlegen - etwa in komplexen Situationen wie dem Kauf eines Autos. Denn hier gilt es von Spritverbrauch über Farbe bis Klimaanlage eine Vielzahl von Variablen zu berücksichtigen, und genau das birgt die Gefahr, sich zu verzetteln.
Was wir gemeinhin als Bauchgefühl, Unterbewusstsein oder auch Intuition bezeichnen, lokalisieren Hirnforscher im emotionalen Erfahrungsgedächtnis. "Dieser Speicherort im limbischen System unseres Gehirns enthält eine umfassende Sammlung unserer ganz persönlichen Lebenserfahrungen - allerdings in Form von Emotionen und diffusen Körpersignalen", erklärt Storch. Denn jedes Ereignis in unserem Leben haben wir einmal als angenehm oder unangenehm bewertet und zusammen mit dem entsprechenden Gefühl abgespeichert. "Steht eine Entscheidung an, erzeugt das Gehirn ganz automatisch Bilder von möglichen Zukunftsszenarien, die wie kurze Filme vor unserem inneren Auge ablaufen." Diese Filme werden dann mit ähnlichen Situationen aus unserem individuellen Erfahrungspool verglichen - ein Prozess, der in kürzester Zeit und meist völlig unbewusst abläuft . "Findet sich ein ähnliches Szenario, wird automatisch die damals damit verbundene Bewertung wachgerufen - und zeigt sich zum Beispiel in Form eines Kribbelns im Magen, eines Kloßes im Hals oder auch eines befreiten Gefühls in der Brust."
Der amerikanische Hirnforscher Antonio Damasio gab diesen Signalen den Namen "somatische Marker" - und wies in mehreren Studien nach, dass sie ein wichtiger Bestandteil guter Entscheidungen sind. "Vom heutigen Stand der Forschung aus lässt sich klar schlussfolgern: Kluge Entscheidungen treffen Menschen dann, wenn sie sowohl den Verstand als auch ihre Emotionen berücksichtigen und je nach Situation optimal miteinander in Einklang bringen", fasst Storch zusammen.
Und was läuft falsch bei chronischer Unentschlossenheit oder der Tendenz zu unbefriedigenden Entschlüssen? "Das haben wir davon, wenn wir unsere Emotionen nicht zu Wort kommen lassen", sagt Storch. Wenn wir statt auf unsere Gefühle zu achten ausschließlich den Verstand bemühen. Derartig "Verkopfte" verheddern sich meist im Abwägen unzähliger Vor- und Nachteile, Argumente und Gegenargumente - und machen sich damit selbst entscheidungsunfähig. Während diese Menschen noch grübeln, müssen sie feststellen, dass der Job einem anderen angeboten wurde oder der Partner lieber eigene Wege geht - weil man sich nie entschließen konnte, ihn zu heiraten.
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Einen anderen problematischen Entscheidungstyp nennt die Psychologin "den Zerrissenen". Er nimmt seine somatischen Marker zwar wahr, unterdrückt sie aber und bezieht sie nicht in seine Entscheidungen mit ein. Ein Beispiel: Eine Frau plant zu ihrem 40. Geburtstag eine Party. Eigentlich möchte sie nur die Menschen einladen, mit denen sie auf jeden Fall Spaß haben wird. Und all jene, die nur aus Pflichtgefühl auf der Gästeliste stünden - zum Beispiel die nervige Nachbarin, die verhasste Großtante - einfach nicht informieren. Dieses Gefühl nimmt die Frau zwar wahr, schiebt es aber beiseite. Ihr Verstand sagt: "Das kannst du nicht machen, die Leute werden ernsthaft beleidigt sein" - und er setzt sich durch. Obwohl dieser Entschluss zwar vielleicht andere, sicher aber nicht das Geburtstagskind selbst glücklich machen wird.
"Besonders solche 'zerrissenen' Entscheider haben ein erhöhtes Risiko, langfristig ein Burn-out-Syndrom zu entwickeln, in einer Midlife-Crisis zu versinken oder in Depressionen", warnt Maja Storch. Weil sie sich irgendwann zwangsläufig fragen: Soll das tatsächlich mein Leben gewesen sein? Weshalb haben meine eigenen Bedürfnisse darin kaum eine Rolle gespielt?
Doch so weit muss es gar nicht erst kommen. Denn Entscheidungsfreude und das Gespür, was gut für uns ist, können wir trainieren. "Egal, mit welcher Frage Sie sich quälen: Machen Sie eine Affektbilanz", rät Psychologin Storch. Nehmen wir etwa an, Sie stünden vor der Entscheidung: "Soll ich das Jobangebot annehmen und in eine andere Stadt ziehen?" Dann stellen Sie sich alle Handlungsmöglichkeiten vor, die Ihnen einfallen - nacheinander, so lebendig wie möglich. Und fragen Sie sich jeweils ganz konkret: "Welche Gefühle löst diese Vorstellung in mir aus?" Zum Beispiel: Was empfinde ich, wenn ich meine Wohnung kündige und meine Freunde zurücklasse? Was, wenn ich mir vorerst ein möbliertes Zimmer nehme und schaue, wie es mir in der neuen Stadt gefällt? Was, wenn ich den Job absage und bleibe, wo ich bin?
"Wichtig ist zunächst, die persönlichen Gefühlsreaktionen überhaupt wahrzunehmen", so Storch. "Bei vielen Unentschlossenen liegt da das Hauptproblem." Hilfestellung kann eine einfache, aber wirksame visuelle Technik leisten, mit der wir eine Gefühlsbilanz ziehen. "Ziel ist, dass Verstand und Gefühlsimpulse letztendlich zur selben Bewertung kommen - also eine Entscheidung zu finden, die einen positiven somatischen Marker hervorruft ", erläutert Storch. Solange das nicht der Fall ist, sollte man sich immer wieder fragen: Warum widersprechen sich Kopf und Bauch? Habe ich Alternativen übersehen? Was genau steckt hinter meinen Zweifeln? Doch Vorsicht: "Derartige Erkenntnisse sind kein Freibrief für das Bauchgefühl", warnt Maja Storch. Auch die Intuition kann uns in die Irre leiten - wenn wir zum Beispiel noch gar nicht auf genügend Erfahrungen mit ähnlichen Situationen zurückgreifen können und folglich auch keine zuverlässige Sammlung an Gefühlsimpulsen dazu abgespeichert haben. "Aber wenn wir Kopf und Bauch in unser inneres Zwiegespräch einbeziehen, sind wir grundsätzlich auf dem richtigen Weg."
Gitte Härter, Coach mit Schwerpunkt Entscheidungsfindung, setzt auch an der grundsätzlichen Lebenseinstellung an, um Unentschlossenen zu helfen. "Die menschliche Psyche hat eine Vorliebe für den Status quo, denn der ist vertraut, selbst wenn man damit nicht sonderlich zufrieden ist", so die Münchner Trainerin. "Aber wer immer auf Nummer sicher geht, bleibt irgendwann stehen - und versagt sich, seine eigenen Grenzen auszutesten." Sie empfiehlt, sich auch einmal herauszuwagen aus der persönlichen Sicherheitszone. Was nicht bedeutet, plötzlich den Job hinzuschmeißen und sich in die Selbstständigkeit zu stürzen, nur um die eigene Risikobereitschaft auszuloten. Aber ein erster Schritt kann zum Beispiel sein, sich auch auf Stellen zu bewerben, die zunächst vielleicht zu anspruchsvoll erscheinen. "Wie ein Sportler, der langfristig auf einen Wettkampf hinarbeitet, können wir auch unsere Entscheidungsmuskeln trainieren", findet Härter. Und man sollte dies auch genauso im Vorfeld tun. "Wir können nicht erwarten, dass wir die Situation schon spontan meistern werden, wenn die schwere Entscheidung eines Tages plötzlich vor der Tür steht."
Optimales Übungsfeld ist der Alltag. Wer zum Beispiel im Restaurant am liebsten wartet, bis die Begleitung ausgewählt hat, und dann das Gleiche bestellt, der sollte beim nächsten Mal bewusst seine eigene Entscheidung vor dem anderen treffen. Oder sagen Sie bei der nächsten Abendplanung mit Freunden doch mal deutlich, dass Sie keine Lust auf Gesellschaftsspiele haben - anstatt sich wieder der Mehrheitsmeinung zu beugen. "Bei solchen Probeläufen geht es nicht um viel", so Härter. "Aber man kann daran üben, klare Entscheidungen zu treffen - und auch mit möglichen negativen Konsequenzen umzugehen." Denn schnell wird klar, dass kleine Fehltritte nicht gleich den Weltuntergang bedeuten.
Grundsätzlich können sich alle Unentschlossenen entspannen: Die richtige Entscheidung im Sinne einer perfekten gibt es nicht. Wir können lediglich nach bestem Wissen und Gewissen handeln - und eben auch nach bestem Gefühl. Eine Faustregel nennt Psychologin Maja Storch dennoch: "Entscheidungen, die keine positiven Empfindungen und Tatendrang hervorrufen, sind in der Regel auch keine guten."
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