von Michael Aust
Kritik sollte man immer unter vier Augen anbringen - und angemessen formulieren (Bild: clipart.com)
Aus Angst, andere zu verletzen, trauen wir uns oft nicht, ehrlich unsere Meinung zu sagen. Vor allem im Job will niemand unangenehm auffallen. Unser Experte sagt Ihnen, wie Sie die richtigen Worte finden
Katharina J., 33, schreibt: "Kollegen oder gar meinen Chef zu kritisieren, fällt mir unheimlich schwer. Wenn mir bei Freunden etwas nicht passt, habe ich kein Problem, meine Meinung zu sagen. Im Beruf ist das anders: Weil ich das Betriebsklima nicht gefährden will, schrecke ich oft vor deutlichen Worten zurück - auch wenn sie berechtigt wären. Denn ich habe Angst, dass sich die Kollegen vielleicht persönlich angegriffen fühlen. Wie kann ich sicherstellen, dass meine Kritik konstruktiv rüberkommt?"
Niemand steckt so leicht Kritik ein. Aber uns selbst Luft machen, das tun wir doch alle ganz gern, oder? In der Kantine schimpfen Angestellte über den Chef oder lästern über die neue Kollegin. Doch dem andern seine Meinung offen ins Gesicht zu sagen, das fällt nicht so leicht. Im Job sogar noch weniger als im Privatleben.
Der Grund dafür liegt an der unterschiedlichen Vertrauensbasis: Bei einem Freund überschreite ich nicht so schnell die Grenzen zur persönlichen Verletzung wie bei einem Kollegen. Denn langjährige Beziehungen verfügen über ein Fundament, auf dem man sich grundsätzlich versteht und das sich selbst durch harte Worte nicht erschüttern lässt. Im Kollegenkreis ist diese Grundlage dagegen weniger stabil.
Viele Ratgeber zum besseren Streiten empfehlen an dieser Stelle: Trennen Sie die Person von der Streitsache, bleiben Sie sachlich! Aber hat nicht jeder, der sich über die schlampige Arbeit eines Kollegen ärgert, deshalb auch schon mal Groll empfunden? Die Sachebene des Problems ist meist nur die Spitze des Eisbergs. Häufig spielen die Emotionen, die unter der Oberfläche schlummern, eine weit größere Rolle als das, worum es offensichtlich geht: Es ist weniger die Schlampigkeit der Kollegin, die uns ärgert, als das Gefühl, dass sie die Ansprüche, die man an sie stellt, ignoriert, dass sie einem keinen Respekt entgegenbringt. Und nicht der Ehrgeiz des Zimmernachbarn macht Angst, sondern die Sorge, selbst zu kurz zu kommen. Manchmal ist es auch einfach nur die eigene miese Laune, die die Kollegen in einem schlechten Licht erscheinen lässt.
Der wichtigste Tipp für konstruktive Kritik lautet deshalb: Verstecken Sie Ihre Emotionen nicht, zeigen Sie sie! Wichtig ist nur, dass Sie darauf achten, Kritik immer unter vier Augen anzubringen - und dass sie angemessen formuliert ist. Geben Sie "Ich"-Botschaften und schildern Sie, wie Sie sich fühlen und was der Grund für Ihre Kritik ist. Machen Sie deutlich, dass Sie Ihr Gegenüber nicht als Person kritisieren, sondern ein ganz bestimmtes Verhalten. Sagen Sie also nicht: "Sie treffen ständig die falschen Entscheidungen", sondern: "Ich fühle mich mit dieser Entscheidung nicht wohl, weil ..."
Außerdem sollte jedes negative Feedback zugleich ein Lob enthalten. Etwa: "Ich bewundere die lebendige, charmante Art, wie Sie Kundengespräche führen, nur habe ich Schwierigkeiten, mich während dieser Telefonate zu konzentrieren." Hilfreich ist auch, wenn Sie klarmachen, dass Sie die Sichtweise des anderen verstehen wollen. Denn in Konflikten prallen Werte und Ziele aufeinander, die man oft erst begreift, wenn man sie zur Sprache bringt. Und schließlich sollte man sich fragen: Kritisiere ich beim anderen vielleicht etwas, was ich an mir selbst nicht mag oder früher nicht gemocht habe?
Doch selbst die konstruktivste Kritik ist kein Garant dafür, dass unsere Worte immer richtig rüberkommen. Schließlich kann der Empfänger in der Botschaft etwas ganz anderes hören, als wir gemeint haben. Damit unliebsame Spätfolgen vermieden werden, sollte man um ein Feedback des Kritisierten bitten. Die Kritik der Kritik sozusagen - das ist dann die Königsdisziplin.
Der Experte: Martin Kreikebaum, 36, ist Diplompsychologe und arbeitet als Coach für Führungskräfte in Köln.
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