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Ich brauche etwas, das mich bewegt

Daniel Kopp

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Musikredakteur Daniel Kopp traf den berühmten, norwegischen Jazztrompeter Nils Petter Molvaer auf seiner Europatour in München. Vor seinem Konzert sprachen die beiden über Emotionen, zwischenmenschliche Beziehungen und natürlich Musik.

Emotional so präzise wie möglich

Der 49-jährige Norweger Nils Petter Molvaer ist in der internationalen Jazzszene äußerst bekannt. Der Musiker und Produzent ist im wahrsten Sinne ein Ausnahmemusiker. Wie kein anderer verbindet er neue und unbekannte musikalische Stile und kreiert seine Vision des Jazz auf ganz einzigartige Weise. Ob Ambient, asiatische oder afrikanische Einflüsse - es gibt nichts, was Nils Petter Molvaer in seinen Kompositionen als Inspiration ausschließt. Mit einer unglaublichen Frische erspielt er mit seinen Mitmusikern neue Klangwelten, die, wie seine außergewöhnlichen Liveauftritte beweisen, jedes Mal auf ein Neues entstehen und verzaubern. Und gerade diese Performances lassen den Zuschauer mit ihrer mesmerisierenden Video-Lightshow und fast hypnotischen Wirkung das Gesamterlebnis wie Musikmeditation erscheinen. Ein Erlebnis von dem man zehren kann.

emotion.de: Seit dem Beginn Ihrer Karriere gilt für Sie das Credo: ein Musikstück ist niemals fertig. Komponieren und produzieren ist ein sich ständig entwickelnder Prozess. Selbst an Ihren Alben erkennt man den dauernden Entwicklungsprozess und stetige Veränderung. Wie sieht also der kreative Prozess bei Ihnen aus? Wie entstehen neue Songs, wenn ältere noch gar nicht beendet erscheinen?
Nils Petter Molvaer: Ich muss zugeben, dass viele Stücke natürlich beendet sind. Ähnlich wie bei klassischen Komponisten und ihren Kompositionen. Nehmen wir Bach und die Johannes-Passion: Dieses Stück ist fertig und nur seine Interpretation verändert sich. Aber in meiner Musik versuche ich eine elastische Version zu schaffen, so dass die Band jederzeit timingmäßig nach oben oder unten variabel ist - damit wir die Zeit dehnen können oder schlicht die Richtung komplett wechseln können. Wenn wir Stücke mit auf Tour nehmen, dann dienen sie uns mehr als eine Art Fundament auf dem wir bauen, aber auch umbauen können. Wir wollen es manchmal einfach offenener gestalten. Da ergeben sich so viele Möglichkeiten und das, jedes Mal aufs Neue. Das ist das wirklich Interessante am touren, denn man spielt dieselben Songs und kann immer wieder verschiedene Sachen ausprobieren und neue Wege gehen, und das mit den gleichen Kompositionen. Man fühlt sich wie ein Wissenschaftler, der experimentiert.

Dabei bleiben Sie allerdings immer beim Grundkonstrukt. Oder ändert sich sogar das?
Naja, manche der Songs dienen schon als Struktur oder Grundlage - etwa so wie ein Startpunkt, von dem aus es nach hier oder dort geht. Oft ist es schwer zu sagen, wo man landet. Es ist immer eine Interaktion mit der Zeit und dem richtigen Timing. Andere Stücke wiederum sind strukturiert und in sich geschlossen. Der kreative Prozess ist immer unterschiedlich. Wenn ich es aber wirklich auf den Punkt bringen soll, dann versuche ich im jeweiligen Entstehungsmoment jedes Mal emotional so präzise wie nur möglich zu sein. Mit jedem Versuch verstärke ich die Intentionen meines musikalischen Ausdrucks. Aber mal ehrlich, wenn ich live spiele, dann ist es ein Hier-und-Jetzt. Natürlich auf den Betrachtungen basierend, was es im Einzelnen für mich bedeutet. Das ist sehr wichtig. Das ist eine nie endende Motivation für mich. Also kann ich nicht präzise genug sein. Es fühlt sich wie etwas Unsterbliches an.

Aber wie finden Sie, Ihrem Credo treubleibend, und mit den musikalisch minimalistischen Veränderungen, überhaupt zu einer gewissen Stabilität? Wann ist der richtige Moment, wenn etwas vollendet scheint?
Ja, das ist schwierig. Manchmal, besonders früher, hatte ich das bestimmte Gefühl: "Jetzt musst Du loslassen!". Dann musste ich akzeptieren: "Ok, ok, der Song ist fertig." Aber bei diesem Album war das anders. Ich wollte von Anfang an, dass "Hamada" sehr viel offener und trotzdem kantig wird. Keine leichte Übung. Ich hatte einfach diesen bestimmten Sound im Kopf und wollte unbedingt diese Frische. Daraus resultierte jede Menge Kommunikation mit Eivind Aarset (Gitarre) und Audun Kleive (Schlagzeug). Sie haben natürlich ihre Meinung dazu abgegeben und gemeinsam haben wir dann dran rumgetüfftelt. Schließlich wussten Sie am besten, wie ihre Instrumente klingen sollten. So haben wir uns gegenseitig sehr bereichert. Es war ein ausnehmend schöner kreativer Prozess.

Ich brauche etwas, das mich bewegt

Also komponieren Sie zu dritt und jeder bringt seinen Teil ein?
Es ist wie immer die Mischung. Den Anfang macht meine Idee. Eben die Vorstellung, wie ich es ungefähr haben möchte - das Tempo oder ein Riff und sie bringen dann ihren Teil mit. Deswegen sind sie auch meine Freunde. Es ist einfach wunderbar und schön. Außerdem können beide ausgezeichnet improvisieren. Ich bin kein Diktator, der sagt: "Spiel dies und Du das!". Gut, manchmal habe ich schon eine konkrete Vorstellung, aber da hilft uns unsere besondere Freundschaft.

Das merkt man. Auch in der Wahl mit wem Sie spielen. Woher kommt diese ungewöhnliche Offenheit? Ist das typisch Norwegen?
Ich weiß nicht. Vielleicht sind wir etwas relaxter. Ich denke, es hat mit unserer kleinen, aber sehr transparenten Musikszene zu tun. Irgendwie spielt jeder mit jedem. Da entstehen natürlich verschiedenste Kombinationen und man sucht förmlich nach Kontrasten, nach den Dingen, Stilen und Musikern, die einem gefallen. Mir persönlich ist es egal, wie sich eine Richtung nennt. Ich möchte schlicht etwas, das mich bewegt und zu dem ich eine Beziehung entwickeln kann. Die Leute scheinen hier weniger daran interessiert, zu imponieren. Ich versuche einfach nur etwas zu schaffen, was tiefe und emotionale Resonanz hat. Musik ist nun mal eine sehr direkte Sprache, wie Schwingungen in der Luft, die einen im Herzen treffen. Das ist der Grund, warum ich emotional so präzise wie möglich sein will. Es soll ehrlich sein und kein fake.

Wenn es also um den emotionalen Eindruck geht, versuchen Sie bewusst den Leuten Geschichten zu erzählen. Oder versuchen Sie einfach nur, Ihre Gefühle widerzugeben?
Ich versuche nicht das typische Kopfkino zu kreieren. Nein. Aber ich suche immer nach einer bestimmten Farbe als Instrument, um die Leute zu treffen, zu bewegen. Wie ein Poet. Wie eine bestimmte Phrase, die für den einen eine andere Bedeutung hat, als für den anderen. Wenn ich es schaffe, dass die Leute reagieren, dann ist es richtig. Wenn sie dabei einen Film im Kopf sehen, umso besser.

Sie spielen schon seit Jahren immer wieder mit den gleichen Musikern. Emotionale Beziehungen scheinen Ihnen recht wichtig zu sein?
Sehr wichtig. Ich muss die Leute, mit denen ich Musik mache, mögen. Wenn ich jemanden nicht mag - und das kommt vor - dann bringt es nicht mal was, mit ihnen über Musik zu sprechen. Der emotionale Draht ist enorm wichtig. Ich spiele mit den Jungs bereits über 15 Jahre. Da ist doch klar, dass man sich gut kennt und über vieles, wenn nicht alles, redet. Und wir mögen uns sehr. Eivind und ich reden viel und wir wissen, dass wir noch einen weiten Weg gehen werden. Da sind so viele musikalische Orte, die wir noch besuchen wollen. Oft sagen wir, dass wir irgendwie zusammengewachsen sind. Musik und zwischenmenschliche Beziehungen - das ist für mich eine Verbindung. Musik machen ist eine sehr intime Sache. Es ist eben wie eine zweite Familie. Abend für Abend spielst Du miteinander. Da wächst man unweigerlich zusammen. Außerdem sind wir musikalisch seelenverwandt. Jeder kann alles sagen und einen immer herausfordern. Das ist eine beidseitige Geschichte und sehr intuitiv.

Ich brauche etwas, das mich bewegt

Das Besondere an Ihrer Musik ist die Mischung der verschiedensten Stile. Aber: Sie haben vor allem auch klassische Vorbilder wie Miles Davis, Don Cherry oder sogar Joni Mitchell.
Ja, das stimmt. Allerdings muss ich diesbezüglich ein Zitat eines Freundes benutzen: "Es sind so viele Einflüsse, dass es unfair wäre, nur einen zu nennen." Aber seit damals habe ich so viele fantastische Sachen gehört, an die ich mich nicht mal mehr erinnern kann. Um es also kurz zu sagen: Mein Einfluss ist gute Musik.

Sie machen sehr experimentelle, fast schon futuristische Musik, nutzen neue Technik und Geräte. Was bedeutet denn Tradition, Wandel und die Zukunft der Musik für Sie?
Irgendwie ist das alles miteinander verbunden. Tradition kann so viel bedeuten. Im Wandel liegt die wahre Kunst und die Zukunft, wer weiß das schon? Ich fühle mich nicht so sehr der Jazztradition verschrieben, was aber nicht heißt, dass ich sie nicht schätze. Aber ich bin auch an anderen Dingen und Einflüssen interessiert. Dinge, die vielleicht schon 1000 Jahre vor dem Jazz existierten. Aber natürlich hat alles eine Herkunft. Von daher ist Tradition wichtig, denn die Gegenwart würde ohne die Tradition so nicht bestehen. Ob es nun ein Totenlied aus Armenien, eine Hochzeitsmelodie aus dem Sudan, ein traditionelles Lied aus Norwegen oder schlicht Musik aus Mali ist, ist dabei egal. Wenn es mich bewegt, ist es richtig. Das ist ein Spiel mit Seele. Ich sehe die Musik ähnlich wie eine Tube: Wenn ich spiele, dann drück ich sie aus.

Wie wichtig ist Ihnen die Publikumswahrnehmung und gibt es Interaktion zwischen der Musik und den Zuhörern?
Ich hoffe doch sehr, dass es die gibt. Um ehrlich zu sein ist das Miteinander sehr wichtig, eigentlich das Wichtigste im Leben. Wenn wir spielen, dann ist das auf der einen Seite eine Interaktion zwischen uns Musikern und auf der anderen Seite eine mit dem Publikum. Wir teilen den Moment miteinander. Und diese Energie ist etwas ganz Besonderes. Es gibt natürlich gute und schlechte Momente, aber wenn alle offen sind, dann passieren wundervolle Dinge. Die Zuhörer nehmen auf einmal ganz feine Dinge wahr. Für mich ist das Spiel oft wie eine Meditation. Im Hier und Jetzt sein. Das ist natürlich etwas sehr Feines, aber auch sehr zerbrechlich.

Sie sind einer der wichtigsten und bekanntesten Musiker Norwegens und Europas. Wie wichtig ist Ihnen der Erfolg?
Es kommt natürlich darauf an, wie man Erfolg definiert. Aber ich habe einen Beruf, der mir sehr viel Spaß macht und von dem ich und die Beteiligten um mich herum leben können. Die Leute hören anscheinend gerne meine Musik und sie macht sie glücklich. Insofern ist Erfolg etwas Gutes. Und das lässt mich ruhig schlafen. Man darf sich nur nicht davon verändern lassen. Als mein erstes Album sich mit großem Erfolg verkaufte, hätte ich natürlich einfach so weiter machen können. Doch dann hätte ich für mich an Glaubwürdigkeit verloren. In diesem Sinne war und ist Erfolg nicht wichtig.

Das klingt sehr entspannt. Sie kommen aus einer sehr musikalischen Familie und Ihr Vater ist selbst Musiker. Außerdem sprachen Sie von Ihrer Band als zweiter Familie. Was bedeutet Ihnen Familie?
Familie kann Verschiedenes bedeuten. Manchmal kann Familie auch der gefährlichste Ort sein. Dennoch denke ich, dass Familie das Wichtigste ist. Man muss nur lernen, wann man sich wo abgrenzt. Aber so ist das mit Beziehungen - nicht immer einfach, aber im Zwischenmenschlichen das Wichtigste.

Das neue Album "Hamada" scheint etwas dunkler zu sein. Liegt das an der Zeit?
Ich habe schon auf meinem letzten Album ein politisches Statement mit "Axis of Ignorance" abgegeben und ich bin auf jeden Fall politisch interessiert. Dunkler oder düster empfinde ich das neue Album nicht. Wichtig ist, was die Leute für sich daraus ziehen. Es ist aggressiver, das stimmt, aber Aggression als Gefühl ist, wie die Liebe, auch eine sehr wertvolle Sache. Nur wenn sie außer Kontrolle gerät, ist es schlecht.

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