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Wer bekommt den besten Platz?

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Was ist das Doofe am Fernbusreisen abgesehen vom Fernbusreisen? Dass der Mensch in Situationen wie dem Busfahren zum Egoisten wird.

Fernbusfahren ist so eine Sache, die ich lieber vermeide und die dennoch manchmal unausweichlich ist. Wer das auch schonmal gemacht hat, kennt vielleicht Situationen, die in etwa so aussehen: Man wartet frühmorgens, frierend und unausgeschlafen darauf, dass endlich der Busfahrer erscheint und das Signal zum Einsteigen gibt. Davor steigt die Anspannung unter den Wartenden mit jeder weiteren Person, die sich zu der Menschentraube gesellt. Nervös klammert man sich am Coffe-To-Go-Becher fest und bringt sich unauffällig schon mal in die Einsteiger-Pole-Position.
Dann wird es eigentlich erst wirklich beklemmend, wenn alle auf den Eingang zustürzen, den eigenen Ellenbogen subtil aber energisch vor die der anderen schieben. Den Letzten beißen die Hunde also bloß als Erster in den Bus – sonst gibt es am Ende keinen Fensterplatz mehr! Die guten Manieren scheinen in solchen Situationen kurzzeitig aus dem Gedächtnis gelöscht, genau wie unsere hohen Ideale des Sozialverhaltens. Auch mal zurückzustecken, nicht nur an sich zu denken, gelten als Prinzipien nicht mehr. Dieses Phänomen gibt es natürlich nicht nur beim Busfahren sondern tritt immer dann auf, wenn alle etwas wollen von dem nicht genug da ist. Nur sind wir es heutzutage gewohnt, dass es die meisten Sachen im Überfluss gibt.

Eigenartig daran ist, dass man eigentlich gar nicht mitmachen möchte, sich dem aber auch nicht wirklich entziehen kann. Wir lernen es schon als Kind bei der „Reise nach Jerusalem“: Wer sich keinen Platz erkämpft, ist raus. Ellenbogengesellschaft at its best. Aber gehört nicht eigentlich zu den Errungenschaften unseres Miteinanders, dass unsere gemeinsamen Ressourcen knapp sind und wir uns trotzdem arrangieren können?
Nein, ich möchte nicht drängeln. Aber einen Sitzplatz hätte ich schon gerne. Wenn möglich nicht in der letzten Reihe inmitten der partywütigen Junggesellenabschiedstruppe. Und ein Fensterplatz wäre auch nett, da kann man sich so gut anlehnen… Schon klar, dass das auch andere wissen.

Der englische Philosoph Thomas Hobbes war fest davon überzeugt, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist, der sich nur mühsam durch Verträge und Konventionen kultivieren lässt. Tief im Inneren sind wir schlichtweg Egoisten. Zeigen wir also in Ausnahmesituationen einfach unser wahres Gesicht und sind uns doch selbst der Nächste? Selbst wenn das stimmen sollte, macht es uns aber gerade aus, dass wir unseren Egoismus überwinden können – wenn wir wollen. Wir können die großherzigsten, nachsichtigsten Kuschel-Lämmer sein! Nur in manchen Situationen, wie dem Fernbusfahren, vergessen wir das wohl manchmal. Mit der Konsequenz, dass das dem Drängeln abgeneigte Lamm am Ende an der Toilette oder inmitten der Partymeute sitzen muss.
Ich nehme mir zumindest vor, in der nächsten Reise-nach-Jerusalem-Situation etwas mehr Besonnenheit an den Tag zu legen. Oder ich nehme einfach das Fahrrad.

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