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Das Paradox unserer Zeit

Balloons in the sky

Ständig schreien wir „Hier“, sobald es etwas zu tun gibt. Überhaupt machen wir von allem viel zu viel: Sei es Überstunden oder uns Sorgen. Wie kommt man zur inneren Gelassenheit, wie lässt man los und lebt sein Leben lässig und frei? Damit beschäftigt sich nicht nur unser Dossier in der aktuellen EMOTION. Auch unsere Blog-Autorinnen haben sich Gedanken gemacht

Es war einer dieser grauen Bürotage im November. Ich saß am Schreibtisch und brütete über einer Recherche für einen Artikel. Neben mir stapelten sich Papierberge, Zeitungen und Kaffebecher. Mein Mailfach quoll über, mein Handy zeigte die zwölfte unbeantwortete Nachricht an. Einer dieser Tage, bei denen man sich am liebsten im Bett verkriechen will, obwohl es weiser wäre sich in Stücke zu reißen, um sicher zu gehen, dass man wirklich alles schafft. Das Wort Gelassenheit war in diesem Moment so fern, wie nichts sonst auf der Welt. In diesem Moment wurde die Tür aufgerissen und der Firmen-Postbote warf mir einen Umschlag auf meinem Schreibtisch. „Nicht noch ein Brief“, dachte ich zuerst. Doch der rötliche Umschlag sah so mitgenommen und zerfleddert aus, dass er meine Aufmerksamkeit erregte. Ich riss ihn auf – eine Karte von einer Freundin, die gerade ein Jahr durch Indien reiste, Yoga-Kurse bei einem Guru besuchte und versuchte, sich selbst zu finden. Die Karte zierte eine Niederschrift von Tendzin Gyatsho, dem 14. Dalai Lama. Ich las:

Das Paradox unserer Zeit
von Tendzin Gyatsho, dem 14. Dalai Lama

Wir haben größere Häuser, aber kleinere Familien;

mehr Annehmlichkeiten, aber weniger Zeit.

Wir haben mehr Diplome, aber weniger Verstand;

mehr Wissen, aber weniger Urteilsvermögen;

mehr Experten und mehr Probleme;

eine bessere Medizin, aber eine schlechtere Gesundheit.

Wir sind den ganzen Weg bis zum Mond und zurück gereist,

aber wir tun uns schwer, die Straße zu überqueren,

um unsere neuen Nachbarn zu begrüßen.

Wir haben bessere Computer,

die immer mehr Informationen speichern können,

um mehr Kopien zu erzeugen, denn je zuvor,

aber wir kommunizieren weniger.

Wir setzen auf Masse und Quantität,
 statt auf Klasse und Qualität.

Wir essen Fast Food,
 aber brauchen lange um es zu verdauen;

Wir mimen die starken Männer,
 aber unser Charakter ist verkümmert.

Wir machen riesige Gewinne,
 aber keine Freundschaften.

Es ist eine Zeit in der viel im Schaufenster ist,
 aber nichts im Raum.

Viele von euch werden dieses Zitat kennen. Ich las es an diesem grauen Tag vor drei Jahren zum ersten Mal. Es war der Auslöser für eine Reihe von Ereignissen und Entscheidungen, die mein Leben veränderten. Der Anstoß für einen Gedanken, der sich schon lange in mir entwickelte: Wir leben in einer immer künstlicheren Welt. Wir denken, wo wir fühlen sollten. Wir fühlen, wo wir denken müssten. Wir kommunizieren mit der ganzen Welt, nur wie es uns selbst geht, haben wir uns schon lange nicht mehr gefragt. Wir tun alles, um gesellschaftlich anerkannt zu werden. Aber wann wir zuletzt eine Entscheidung aus tiefstem Herzen getroffen haben und auf uns selbst stolz waren, daran können wir uns nicht erinnern.
Vielleicht liest einer von euch das Gedicht des Dalai Lama zum ersten Mal und vielleicht berührt es sein Herz wie meins damals. Und vielleicht ist es ein Anstoß für einige von euch loszulassen und frei zu werden. Ich tat es damals. Einige Monate später verliess ich meinen Job und ging auf Reisen. Die Karte von meiner Freundin aus Indien hatte ich während dieser Zeit immer bei mir. Als Glücksbringer und als Erinnerung daran, was wirklich zählt.

3 Kommentare

  1. Sehr schöner Artikel und wahre Worte.

    Eines meiner Leitsätze ist: Der große Wert liegt im kleinen Glück.
    Das schöne ist: (fast) jeder hat die Wahl! :-)

    Herzliche Grüße,

    Peter Reitz

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  2. So schön, und so wahr. Danke für diesen tollen Text, der mich wieder daran erinnert mehr Pausen zu machen, mehr zu geniessen und nicht immer so viel zu arbeiten. Das ist schliesslich auch eine Form von Detoxen, Entschlacken… Liebe Grüsse aus Zürich, Kati

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  3. Danke für diesen tollen Text, liebe Marie Krone. Ich bin zutiefst gerührt von Ihren tiefsinnigen Worten – noch vielmehr als von denen des Dalai Lamas. Ich sehe das ähnlich: Jobs gibt es wie Sand am Meer. Glück nicht. Weiter so! Ein EMOTION-Fan

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